Ich war bisher in der glücklichen Lage, dass ich als angestellter Redakteur mit einem Festgehalt gearbeitet habe. Das Gehalt ist nicht so hoch, dass ich damit große Sprünge machen kann, aber für ein Auto, zwei bis drei Urlaube im Jahr und eine warme Mahlzeit täglich reicht es. Bei vielen freien Redakteuren ist das anders. Die müssen echt buckeln, damit sie einigermaßen über die Runden kommen. Und werden mit Honoraren abgespeist, über die andere Berufsgruppen nur lächeln. Das führt mich zu der Frage, was Texte im Web überhaupt wert sind. Sind die paar Cent pro Wort gerechtfertigt, die häufig bezahlt werden oder muss hier ein Umdenken stattfinden?

Beispiel aus der Praxis

Ich fange mit einem Beispiel an: Ich habe jahrelang für eine Internetagentur gearbeitet, die diverse Bauportale betreibt. Das eine Portal hatte knapp 100.000 Besucher im Monat, als ich dort anfing. Als ich ging, waren es fast eine Million. Und ich war im Prinzip der einzige Redakteur, der neue Inhalte für die Seite verfasste. Die Besucher kommen nicht einmal, sondern Monat für Monat wieder. Jahr für Jahr. Das war nur das eine Portal, ich schrieb noch für mehrere andere Portale der Agentur sowie für externe Auftraggeber. Und mein Ex-Chef meinte am Ende nur, ich wäre überbezahlt.

Das Beste daran. Irgendwann hat mein Ex damit angefangen, alle abzumahnen, die Texte von den Seiten geklaut haben. Ein echt einträgliches Geschäft. Da wurden dann plötzlich Beiträge von mir, an denen ich drei, vier Stunden gearbeitet habe, tausende von Euros wert. Mancher Text wurde nicht nur einmal, sondern gleich von mehreren Leuten kopiert. Eine moderne Gelddruckmaschine sozusagen. So kam eine Summe zusammen, die locker für ein komfortables Eigenheim gereicht hätte. Nur so viel dazu: Ich besitze keines, ich wohne zur Miete. Die Abmahnorgie führte letztlich auch dazu, dass ich nicht mehr für die Firma arbeite. Zumal es die Agentur in der Form gar nicht mehr gibt. Ich hätte mir auch so eine neue Stelle suchen müssen.

Schlussfolgerung

Also noch einmal die Frage: „Was sind Texte im Web wert?“ Im Falle meines Beispiels doch wesentlich mehr, als dafür bezahlt wurde. Alleine die Einnahmen aus den Abmahnungen überstieg das, was ich in 10 Jahren dort verdient habe. Aber das möchte ich gar nicht in meine Überlegungen groß einbeziehen, denn eigentlich finde ich diese Abmahngeschichten echt mies. Insbesondere die Summen, um die es dort häufig geht. Ansonsten ist schon klar, dass das Urheberrecht geschützt werden muss. Ich konnte es aber bisher immer anders regeln, wenn jemand meine Texte geklaut hat.

Der erste Teil meines Beispiels ist viel interessanter. Wenn ich Texte schreibe, die gefallen und bei Google auf den vorderen Plätzen zu finden sind, kommen teilweise ein-, zwei- oder dreitausend Besucher im Monat auf einen Beitrag. Und das jeden Monat. Klar gibt es auch Beiträge, die nicht so erfolgreich sind. Unterm Schnitt ist es aber so, dass die Besucherzahlen durch gute Texte enorm steigen. Das ist ein bleibender Wert. Ein freier Redakteur bekommt hierfür allerdings in der Regel nur einmal Geld – keine Provisionen, keine Erfolgsbeteiligungen.

Das Problem ist natürlich, dass ich als Texter keine Garantie dafür geben kann, dass meine Beiträge in den Suchmaschinen erfolgreich sind. Aber das ist ein allgemeines Problem, wenn es um SEO geht. Suchmaschinenoptimierung ist im Prinzip ein Stochern im Nebel. Texte, die heute noch funktionieren, können morgen bereits aus den Suchergebnissen geflogen sein. Google hat durchaus Spaß daran, alles wieder umzuschmeißen, was man sich mühsam erarbeitet hat.

Letztlich ist es natürlich schwer, den Wert für einen Text zu ermitteln. Es kommt immer darauf an, welche Einnahmen sich daraus generieren lassen. Wenn ich beispielsweise in meinem derzeitigen Job eine Top-Kategorie des Shops auf die ersten Plätze bringe, sorgt das für mehr Umsatz als wenn ich einen Ratgeber für das Magazin schreibe. Wobei natürlich bei Shopkategorien noch andere Einflüsse außer meinem Text dafür sorgen, ob Google die Seite mag oder nicht.

Gute Texte sind mehr wert

Oft wird der Einfluss der Texte auf den Erfolg einer Seite geringer betrachtet, als er in Wirklichkeit ist. Die Redakteure stehen ganz unten in der Nahrungskette, denn schreiben kann doch jeder. Entwickler und Programmierer sind hingegen in vielen Firmen die Helden. Eben weil sie etwas können, was die Chefs nicht können und auch nicht verstehen. Bei meiner vorherigen Arbeitsstelle war das jedenfalls so (die mit dem abmahn- und auch sonst wütigen Chef). Da wurden sogar die Erfolge in SEO dem tollen Code der Seiten zugeschrieben. Früher war es mir egal und heute weiß ich es besser, wer wirklich die Besucher auf die Seite gebracht hat.

Im Übrigen ist das mit dem „nur Schreiben“ etwas zu kurz gegriffen. Wer ab und an mal etwas auf seiner Seite veröffentlicht, der schreibt über etwas, mit dem er sich gerade beschäftigt, das ihn gerade ärgert oder freut. Das geht naturgemäß recht flott von den Fingern. Eine professioneller Texter bekommt hingegen häufig ein Thema hingelegt, mit dem er sich nicht auskennt und das es ihn zudem nicht besonders interessiert. Trotzdem wird erwartet, dass es so perfekt wird, als hätte es ein Fachmann auf dem Themengebiet geschrieben. Das klappt nur bei entsprechender Recherche. Und die kann mehr Zeit in Anspruch nehmen als das Schreiben selbst. Da es zudem fehlerfrei und sprachlich sauber zu lesen sein soll, braucht es eine entsprechende Nachbearbeitung, die wiederum Zeit beansprucht.

Wer als Auftraggeber Top-Qualität haben will, muss dementsprechend auch Top-Preise zahlen. Und die liegen nicht bei zwei, drei, vier Cent pro Wort. Auch wenn schlaue Mathematiker mitunter ausrechnen, wie viel ein Redakteur damit doch verdienen kann. Er muss nur täglich mehrere fünf- sechstausend Wörter schreiben und schon ist ein gesichertes Auskommen vorhanden. Das liegt aber wahrscheinlich darin, dass in der Mathematik keine Kreativität gefragt ist, beim Schreiben schon.