Es gibt in Redaktionen einen Satz, der mich seit Jahren nervt: „Da fehlt noch ein Zitat.“ Fast so, als würde ein Text erst dann journalistisch wirken, wenn irgendwo ein Professor, Sprecher oder Geschäftsführer in Anführungszeichen auftaucht. Ich halte das für überholt. Und ehrlich gesagt oft für Unsinn.
Denn viele Zitate machen Texte nicht stärker. Sie machen sie länger, weicher und austauschbarer. Vor allem online. Meine Kolleginnen und Kollegen aus dem klassischen Journalismus mögen jetzt widersprechen. Ich selbst komme aus einer anderen Richtung. Ich habe keine klassische Journalistenausbildung.
Trotzdem verdiene ich seit vielen Jahren mit Texten mein Geld. Und ich habe oft genug erlebt, dass Beiträge ohne ein einziges direktes Zitat besser funktioniert haben als zitatschwere Texte voller O-Töne. Nicht trotz fehlender Zitate. Sondern gerade deshalb.

Inhaltsverzeichnis
- Das Problem ist nicht das Zitat – sondern das schlechte Zitat
- Viele Onlinebeiträge bestehen aus PR-Schaum
- Viele Zitate sind einfach Füllmaterial
- Gerade Techniktexte brauchen oft weniger Stimmen
- Manchmal verstecken sich Autoren hinter Zitaten
- Gute Zitate sind Gold wert, schlechte ruinieren Texte
Das Problem ist nicht das Zitat – sondern das schlechte Zitat
Gegen gute Zitate habe ich überhaupt nichts. Im Gegenteil. Ein starkes Zitat kann einen Text tragen. Es kann einen komplizierten Sachverhalt verständlich machen, Haltung zeigen oder einen Gedanken so präzise formulieren, wie es der Fließtext manchmal nicht schafft.
Aber seien wir ehrlich: Genau solche Zitate sind selten geworden. Was stattdessen in vielen Artikeln landet, klingt oft wie direkt aus einer Kommunikationsabteilung kopiert:
- „Wir freuen uns sehr über diese innovative Entwicklung.“
- „Die Ergebnisse zeigen das enorme Potenzial der Technologie.“
- „Wir stehen hier erst am Anfang.“
Ja. Danke. Das sind keine Aussagen mit Substanz. Das sind Sätze, die nach Bedeutung klingen sollen, aber nichts sagen.
Viele Onlinebeiträge bestehen aus PR-Schaum
Gerade im Technikjournalismus fällt mir das ständig auf. Eigentlich spannende Themen wie Batterieforschung, Raumfahrt, KI, neue Werkstoffe oder Energietechnik werden mit belanglosen Zitaten zugeschüttet, bis jede Dynamik verschwunden ist. Und dann wundern sich Redaktionen, warum viele Texte wirken wie weichgespülte Pressearbeit.
Der Denkfehler dahinter ist simpel: Viele glauben immer noch, Zitate würden automatisch Glaubwürdigkeit erzeugen. Tun sie aber nicht. Ein Satz wird nicht besser, nur weil ein Name daruntersteht.
Glaubwürdigkeit entsteht anders. Sie entsteht, wenn Fakten stimmen, technische Zusammenhänge sauber erklärt werden, Quellen kritisch eingeordnet werden und Autorinnen und Autoren sichtbar verstehen, worüber sie schreiben. Nicht weil jemand „vielversprechend“, „spannend“ oder „bahnbrechend“ gesagt hat.
Ich habe oft genug Texte ohne direkte Zitate veröffentlicht. Und die haben hervorragend funktioniert. Weil sie direkter waren. Klarer. Schneller auf den Punkt.
Viele Zitate sind einfach Füllmaterial
Das sagt nur kaum jemand offen. Wenn ich einen Absatz streichen kann und der Text dadurch besser wird, war dieser Absatz vorher unnötig. Genau das passiert bei Zitaten ständig.
Vor allem bei typischen Pressemitteilungs-O-Tönen. Diese Sätze sind meist weichgespült, risikolos und komplett austauschbar. Da spricht kein echter Mensch mehr. Da spricht ein Freigabeprozess. Und trotzdem tun viele Redaktionen so, als würde genau das einen Beitrag journalistisch aufwerten.
Ich glaube, viele Journalistinnen und Journalisten wurden regelrecht darauf konditioniert, dass ein „richtiger“ Artikel bestimmte Pflichtbestandteile braucht: Überschrift, Vorspann, Zwischenüberschrift, Bild und irgendwo mindestens zwei Zitate. Fertig ist der Beitrag.
Das Problem ist nur: Online lesen Menschen völlig anders. Sie scannen Texte brutal schnell. Sie merken sofort, wenn ein Artikel künstlich aufgeblasen wird. Und genau das passiert mit schlechten Zitaten permanent. Dann liest man Absatz, belangloses Zitat, Absatz, noch ein belangloses Zitat – und irgendwann bestätigt ein Professor noch einmal das, was ohnehin längst im Text stand. Das bremst Beiträge komplett aus.
Gerade Techniktexte brauchen oft weniger Stimmen
Das wird meiner Meinung nach massiv unterschätzt. Wenn ich über Tunnelbau, neue Werkstoffe, Reaktortechnik, Geothermie, KI-Systeme oder moderne Fertigungsverfahren lese, interessiert mich zuerst die technische Substanz.
Was wurde entwickelt? Warum funktioniert es? Wo liegen die Grenzen? Ist das wirklich relevant oder nur Forschungstheater mit großer Pressemitteilung? Dafür brauche ich keinen CEO-Satz darüber, wie „stolz“ man auf die Innovation sei.
Viele Techniktexte wären deutlich besser, wenn Autorinnen und Autoren stärker erklären und weniger zitieren würden.
Manchmal verstecken sich Autoren hinter Zitaten
Auch das gehört zur Wahrheit. Ein Zitat kann eine elegante Möglichkeit sein, keine eigene Einordnung liefern zu müssen. Dann steht da: „Professor XY hält die Technologie für vielversprechend.“
Okay. Und jetzt? Warum genau? Wo liegen die Probleme? Ist das realistisch? Wie groß ist der technische Fortschritt tatsächlich? Genau das wäre doch die eigentliche journalistische Arbeit. Nicht das Einsammeln von O-Tönen.
Gute Zitate sind Gold wert, schlechte ruinieren Texte
Natürlich gibt es hervorragende Zitate. Manche Aussagen sind Gold wert. Aber schlechte Zitate können Texte komplett ruinieren. Deshalb bin ich bei diesem Thema inzwischen ziemlich konsequent geworden.
Ich stelle mir bei jedem Zitat nur noch eine Frage: Fehlt dem Text wirklich etwas, wenn ich diesen Satz streiche? Wenn die Antwort Nein lautet, fliegt das Zitat raus. Sofort.
Denn nur weil jemand etwas gesagt hat, wird es dadurch noch lange nicht interessant oder lesenswert. Und genau daran scheitern heute viele Beiträge. Sie wollen journalistisch wirken. Tatsächlich lesen sie sich am Ende wie Pressearbeit mit Anführungszeichen.