Lange Zeit war der Beruf des Online-Redakteurs vergleichsweise klar definiert. Texte schreiben, Bilder auswählen, Inhalte im CMS veröffentlichen und vielleicht noch ein wenig Suchmaschinenoptimierung betreiben. Damit ließ sich über viele Jahre ordentlich Reichweite aufbauen. Heute funktioniert das immer seltener.

Das liegt nicht daran, dass gute Texte unwichtiger geworden wären. Im Gegenteil. Das Problem ist eher, dass reines Schreiben längst nicht mehr ausreicht, um online sichtbar zu bleiben. Denn Inhalte produzieren können inzwischen fast alle — Redaktionen, Unternehmen, Agenturen, Freelancer und natürlich KI-Systeme.

Genau dadurch verschiebt sich gerade der eigentliche Wert redaktioneller Arbeit.

Was Online-Redakteure 2026 können müssen

Inhaltsverzeichnis

Viele Inhalte sind sauber formuliert und trotzdem austauschbar

Das fällt besonders bei KI-generierten Texten auf, inzwischen aber auch bei vielen klassischen Redaktionsartikeln. Die Texte wirken ordentlich. Grammatik und Struktur stimmen. Alles liest sich flüssig. Trotzdem bleibt nach dem Lesen oft erstaunlich wenig hängen.

Der Grund ist meist derselbe: Die Inhalte liefern zwar Informationen, aber kaum Einordnung. Viele Texte beantworten heute zwar die Frage „Was ist passiert?“, aber nicht mehr:

  • Warum ist das relevant?
  • Was bedeutet das eigentlich?
  • Welche Entwicklung steckt dahinter?
  • Warum sollte man sich damit beschäftigen?

Genau dort beginnt aber guter Journalismus. Ich glaube deshalb auch nicht, dass KI gute Redakteure einfach ersetzen wird. Was zunehmend austauschbar wird, ist eher standardisierte Textproduktion ohne eigene Gewichtung und ohne klare Perspektive.

Der klassische SEO-Text funktioniert immer schlechter

Mit dem Begriff „SEO-Texter“ konnte ich ehrlich gesagt noch nie viel anfangen. Natürlich müssen Online-Redakteure verstehen, wie Suchmaschinen funktionieren. Das ist sogar wichtiger denn je. Trotzdem war die Idee problematisch, Inhalte primär für Google statt für Menschen zu schreiben.

Genau daraus entstanden über Jahre diese typischen Texte, die technisch sauber optimiert waren, aber menschlich komplett leer wirkten.

Früher funktionierte das teilweise erstaunlich gut. Heute wird es deutlich schwieriger.

Google bewertet Inhalte längst nicht mehr nur anhand einzelner Keywords. Themenautorität, Nutzerverhalten, interne Verlinkung, Website-Qualität oder Vertrauen spielen inzwischen eine viel größere Rolle. Gleichzeitig verändern AI-Suchen und Systeme wie Google Discover gerade erneut die Spielregeln.

Viele Publisher reagieren darauf trotzdem noch immer mit demselben Reflex:
mehr Content. Ich halte das für einen Fehler. Denn das Internet ist längst voll mit mittelmäßigen Artikeln. Davon braucht niemand noch größere Mengen.

Viele Redaktionen denken noch zu stark in einzelnen Artikeln

Genau dort liegt meiner Meinung nach eines der größten Probleme vieler Publisher. Oft wird noch immer gefragt: „Welchen Beitrag veröffentlichen wir heute oder morgen?“

Viel wichtiger wäre eigentlich: „Für welche Themen wollen wir langfristig sichtbar sein?“ Das klingt ähnlich, ist strategisch aber ein enormer Unterschied.

Einzelne Artikel können kurzfristig Reichweite bringen. Langfristige Sichtbarkeit entsteht heute eher durch:

  • klare Themenwelten
  • wiedererkennbare Expertise
  • Vertrauen
  • gute Nutzererfahrung
  • verständliche Inhalte
  • saubere Strukturen

Viele Websites produzieren dagegen einfach permanent neue Inhalte, ohne eine klare Richtung zu haben. Das sieht man inzwischen ziemlich deutlich. Hoher Output bedeutet längst nicht automatisch hohe Reichweite.

KI verändert den Beruf gerade massiv

Die Diskussion über KI ist momentan oft erstaunlich oberflächlich. Die einen tun so, als wäre alles nur ein kurzfristiger Hype. Andere glauben, Redakteure würden bald komplett ersetzt. Beides halte ich für überzogen.

Ich nutze KI inzwischen regelmäßig. Allerdings eher selten dafür, komplette Artikel schreiben zu lassen. Wirklich hilfreich wird sie für mich vor allem bei:

  • Recherche
  • Strukturierung
  • Zusammenfassungen
  • Themenideen
  • Datenaufbereitung
  • schnellen Gegenchecks

Dort spart KI enorm viel Zeit.

Gleichzeitig merkt man aber auch schnell, wo die Schwächen liegen. Viele KI-Texte wirken glatt, aber seltsam austauschbar. Oft fehlt genau das, was gute Redaktion eigentlich ausmacht: Priorisierung, Einordnung und ein Gefühl dafür, was wirklich wichtig ist.

Genau deshalb glaube ich auch, dass journalistisches Urteilsvermögen künftig eher wichtiger wird.

Daten und Plattformen spielen eine viel größere Rolle

Viele Redaktionen arbeiten bis heute erstaunlich stark nach Bauchgefühl. Das funktioniert online allerdings nur begrenzt.

Wer digital publiziert, sollte zumindest grob verstehen:

  • warum Nutzer abspringen
  • welche Headlines funktionieren
  • welche Inhalte langfristig Traffic bringen
  • warum Rankings plötzlich einbrechen
  • weshalb manche Artikel bei Discover sichtbar werden und andere nicht

Natürlich darf Redaktion nicht nur aus Zahlen bestehen. Dann entstehen sterile Inhalte ohne Persönlichkeit. Trotzdem sollte man verstehen, wie Inhalte online überhaupt konsumiert werden.

Hinzu kommt, dass Plattformen heute einen enormen Einfluss auf Sichtbarkeit haben. Google funktioniert anders als LinkedIn. LinkedIn anders als TikTok. AI-Suchen wiederum verändern gerade erneut sehr viel.

Wer online publiziert, muss deshalb längst mehr verstehen als nur gutes Schreiben.

Der Beruf verschiebt sich gerade deutlich

Ich glaube deshalb, dass klassische „Texte-Schreiber“ in Zukunft zunehmend austauschbar werden.

Wirklich wertvoll bleiben eher Redakteure, die:

  • Themen früh erkennen
  • komplexe Inhalte verständlich erklären
  • Reichweite analytisch verstehen
  • Plattformen durchschauen
  • Vertrauen aufbauen
  • KI sinnvoll einsetzen
  • Themen strategisch entwickeln

Denn genau diese Dinge lassen sich deutlich schwerer automatisieren als reine Textproduktion.