Als ich vor mehr als 20 Jahren mit SEO in Berührung kam, war die Welt der Suchmaschinenoptimierung deutlich überschaubarer als heute. Meine ersten Erfahrungen sammelte ich in einer Agentur. Später wechselte ich in den E-Commerce. Dort beschäftigte ich mich täglich mit Rankings, Keywords, Kategorieseiten, Produkttexten und Conversion-Optimierung.
SEO war damals vor allem ein langfristiges Spiel. Wir analysierten Suchbegriffe, entwickelten Strategien und warteten oft Wochen oder Monate darauf, dass sich Veränderungen in den Rankings bemerkbar machten. Natürlich gab es auch damals Wettbewerb und Zeitdruck. Doch verglichen mit dem Alltag eines Nachrichtenportals wirkte vieles beinahe entschleunigt.
Seit vier Jahren arbeite ich beim VDI Verlag. Dort habe ich eine ganz andere Seite der Suchmaschinenoptimierung kennengelernt. Publisher-SEO folgt eigenen Regeln. Manche Erkenntnisse aus dem klassischen SEO lassen sich übertragen. Andere funktionieren im News-Geschäft kaum noch.
Genau deshalb lohnt sich ein genauer Blick auf die Besonderheiten.

Inhaltsverzeichnis
- Warum Publisher-SEO anders tickt
- Google ist längst nicht mehr nur die Suche
- Geschwindigkeit schlägt häufig den perfekten Artikel
- Die technische Seite wird oft unterschätzt
- Warum interne Verlinkung wichtiger ist als viele glauben
- Discover hat die Spielregeln verändert
- KI verändert die Spielregeln – aber nicht unbedingt zugunsten der Publisher
- E-E-A-T ist keine Theorie mehr
- Reichweite allein reicht nicht
- Was ich aus über 20 Jahren SEO gelernt habe
Warum Publisher-SEO anders tickt
Wer von einer Agentur oder aus dem E-Commerce kommt, denkt zunächst automatisch in Keywords, Rankings und Suchvolumen. Natürlich spielen diese Faktoren auch bei Nachrichtenportalen eine Rolle. Doch sie sind nur ein Teil der Gleichung.
Im News-Bereich geht es oft um Geschwindigkeit. Ein Thema kann innerhalb weniger Stunden enorme Aufmerksamkeit erzeugen und am nächsten Tag bereits wieder verschwunden sein. Das habe ich in den vergangenen Jahren immer wieder erlebt.
Während man im E-Commerce monatelang an einer Kategorie wie „Wärmepumpe kaufen“ oder „Werkzeugwagen“ arbeitet, entscheidet sich bei einer aktuellen Nachricht häufig innerhalb weniger Minuten, ob ein Artikel sichtbar wird oder nicht.
Wer bei einem wichtigen Thema zu spät veröffentlicht, hat es oft schwer, die verlorene Reichweite später wieder aufzuholen.
Google ist längst nicht mehr nur die Suche
Eine der größten Veränderungen, die ich als Publisher erlebt habe, betrifft die Traffic-Quellen. In meiner Agenturzeit drehte sich fast alles um die klassische Google-Suche. Dasselbe galt später im E-Commerce. Heute sieht das deutlich anders aus.
Publisher erhalten ihre Reichweite aus mehreren Kanälen gleichzeitig:
- Google Suche
- Google News
- Google Discover
- KI-Suchsysteme
- soziale Netzwerke
- Newsletter
Jeder dieser Kanäle funktioniert nach eigenen Regeln.
Besonders Google Discover hat viele Redaktionen überrascht. Dort sucht niemand aktiv nach einem Thema. Stattdessen entscheidet Google, welche Inhalte einzelnen Nutzerinnen und Nutzern angezeigt werden.
Mittlerweile ist es auf ingenieur.de schon fast normal, dass einzelne Artikel über Discover deutlich mehr Leser erreichen als über die klassische Suche. Das verändert die gesamte Themenplanung.
Geschwindigkeit schlägt häufig den perfekten Artikel
Eine Erfahrung aus dem Newsroom hat mich besonders geprägt. Im klassischen SEO gewinnt häufig der bessere Inhalt. Im News-Bereich gewinnt zunächst oft der schnellere. Das bedeutet nicht, dass Qualität unwichtig wäre. Ganz im Gegenteil. Fehler können gerade bei Nachrichten erhebliche Folgen haben.
Dennoch beobachte ich regelmäßig, dass Google bei aktuellen Ereignissen zunächst die schnellsten und relevantesten Quellen einsammelt. Erst später beginnt die eigentliche Qualitätsbewertung. Deshalb arbeiten viele Redaktionen heute nach einem anderen Prinzip als klassische Content-Teams.
Der erste Artikel muss schnell erscheinen. Anschließend wird er laufend erweitert, aktualisiert und verbessert. Wer dagegen erst wartet, bis jedes Detail recherchiert ist, verpasst unter Umständen das entscheidende Zeitfenster.
Die technische Seite wird oft unterschätzt
Viele Journalistinnen und Journalisten beschäftigen sich verständlicherweise vor allem mit Inhalten. Aus SEO-Sicht reicht das allerdings nicht. In meiner Agenturzeit habe ich gelernt, wie wichtig technische Grundlagen sind. Im Publisher-Bereich gilt das noch stärker.
Ein hervorragender Artikel bringt wenig, wenn Google ihn nicht rechtzeitig findet.
Deshalb gehören folgende Punkte zu den wichtigsten Aufgaben:
- schnelle Server
- kurze Ladezeiten
- saubere URL-Strukturen
- strukturierte Daten
- funktionierende XML-Sitemaps
- fehlerfreie interne Verlinkung
Gerade bei großen Portalen mit mehreren hunderttausend URLs kann bereits ein kleines technisches Problem erhebliche Auswirkungen auf die Sichtbarkeit haben.
Warum interne Verlinkung wichtiger ist als viele glauben
Wenn über SEO gesprochen wird, denken viele sofort an Backlinks. Auch ich habe in meiner Agenturzeit viel Zeit mit Linkprofilen und Offpage-Optimierung verbracht.
Bei Publishern sieht die Realität oft anders aus. Natürlich bleiben externe Verlinkungen wichtig. Im Tagesgeschäft spielt jedoch die interne Verlinkung häufig die größere Rolle. Google muss erkennen, welche Inhalte zusammengehören.
Deshalb setzen erfolgreiche Publisher auf:
- Themenseiten
- Dossiers
- Hintergrundartikel
- verwandte Beiträge
- Ressort-Hubs
Das hat gleich mehrere Vorteile. Leser finden schneller weitere Inhalte. Gleichzeitig versteht Google die thematischen Zusammenhänge besser. Außerdem steigt die Chance, dass Nutzer mehrere Seiten besuchen statt nach dem ersten Klick wieder zu verschwinden.
Discover hat die Spielregeln verändert
Wenn mich heute jemand fragt, was ich in den vergangenen Jahren am meisten unterschätzt habe, lautet die Antwort: Google Discover.
In der klassischen SEO-Welt spielte Discover lange kaum eine Rolle. In meiner Zeit im E-Commerce schon gar nicht. Heute gehört der Feed für viele Publisher zu den wichtigsten Reichweitenquellen überhaupt. Bei ingenieur.de kommen aktuell (Juni 2026) rund 80 Prozent des Traffics über Discover-
Das Interessante dabei: Viele klassische SEO-Regeln greifen nur bedingt. Keywords bleiben wichtig. Gleichzeitig spielen andere Faktoren eine große Rolle:
- starke Bilder
- aktuelle Themen
- Nutzerinteresse
- Klickrate
- Verweildauer
Besonders die Bildqualität wird häufig unterschätzt. Google empfiehlt große Vorschaubilder mit mindestens 1200 Pixeln Breite. Fehlt die technische Freigabe für große Vorschaubilder, verschenken Publisher oft Reichweite.
KI verändert die Spielregeln – aber nicht unbedingt zugunsten der Publisher
Als ich in der Agentur gearbeitet habe, lautete die wichtigste Frage meist: Wie kommen wir auf Seite eins bei Google? Heute diskutiert die Branche über eine andere Frage: Welche Rolle spielen Publisher überhaupt noch, wenn KI-Systeme Antworten direkt ausliefern?
Google integriert immer mehr KI-Funktionen in die Suche. Gleichzeitig greifen viele Nutzer auf ChatGPT, Gemini oder Perplexity zurück. Aus Nutzersicht ist das bequem. Aus Sicht vieler Publisher ist die Entwicklung deutlich komplizierter. Denn Verlage leben nicht von Erwähnungen. Sie leben von Besuchern.
Ein Nutzer, der einen Artikel aufruft, Werbung sieht, weitere Inhalte liest oder ein Abonnement abschließt, erzeugt Wertschöpfung. Ein Nutzer, der die Antwort bereits in einer KI-Zusammenfassung erhält, besucht die Website oft gar nicht mehr.
Genau darin liegt derzeit die größte Herausforderung für Publisher. Natürlich ist es sinnvoll, von KI-Systemen als vertrauenswürdige Quelle wahrgenommen zu werden. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, in Antworten genannt oder verlinkt zu werden. Ob daraus jedoch ausreichend Traffic entsteht, ist bislang nicht abschließend geklärt. Viele Verlage beobachten die Entwicklung deshalb mit einer gewissen Skepsis.
Aus meiner Sicht erleben wir derzeit einen ähnlichen Umbruch wie einst beim Aufstieg sozialer Netzwerke. Die Plattformen profitieren zunächst von den Inhalten der Publisher. Die entscheidende Frage lautet jedoch: Kommt am Ende genügend Reichweite zurück?
Fest steht: Vertrauen, Fachkompetenz und starke Marken werden wichtiger denn je. Denn KI-Systeme greifen bevorzugt auf Quellen zurück, die sie als glaubwürdig einstufen.
Dazu gehören vor allem:
- nachvollziehbare Autorenprofile
- transparente Quellenangaben
- fachliche Expertise
- starke Medienmarken
- sauber strukturierte Inhalte
Ob KI für Publisher langfristig mehr Chancen oder mehr Risiken bringt, ist für mich derzeit noch offen. Sicher ist nur: Die Diskussion über Sichtbarkeit wird sich in den kommenden Jahren nicht mehr allein um Google-Rankings drehen.
E-E-A-T ist keine Theorie mehr
Vor einigen Jahren wurde E-E-A-T von vielen SEO-Verantwortlichen noch eher theoretisch betrachtet. Im Publisher-Bereich begegnet mir das Thema inzwischen fast täglich.
Google möchte wissen, wer einen Artikel geschrieben hat und warum diese Person kompetent ist. Deshalb haben Autorenprofile heute einen ganz anderen Stellenwert als noch vor wenigen Jahren.
Gerade bei Fachthemen kann ein erkennbarer Experte einen Unterschied machen. Aus meiner Sicht profitieren davon nicht nur Suchmaschinen. Auch Leser möchten wissen, wer hinter einem Beitrag steht.
Reichweite allein reicht nicht
Eine weitere Erkenntnis aus meiner Zeit beim VDI Verlag lautet: Reichweite ist wichtig, aber sie ist nicht alles. Im E-Commerce steht häufig die Conversion im Mittelpunkt. Publisher verfolgen andere Ziele.
Sie möchten Leser langfristig binden. Deshalb reicht es nicht aus, möglichst viele Klicks zu erzeugen. Entscheidend ist vielmehr:
- Lesen Nutzer weitere Artikel?
- Kommen sie zurück?
- Abonnieren sie Newsletter?
- Schließen sie ein Abo ab?
Genau deshalb spielt die sogenannte Rezirkulation eine so große Rolle. Jeder zusätzliche gelesene Artikel erhöht die Chance auf eine langfristige Beziehung zwischen Medium und Leser.
Was ich aus über 20 Jahren SEO gelernt habe
Wenn ich meine Erfahrungen aus Agentur, E-Commerce und Verlag zusammenfasse, komme ich zu einer einfachen Erkenntnis: Publisher-SEO ist keine Sonderform des klassischen SEO. Es ist eine eigene Disziplin.
Technik bleibt wichtig. Keywords bleiben wichtig. Gute Inhalte bleiben wichtig. Doch die Gewichtung hat sich verändert. Heute entscheiden häufig Aktualität, Vertrauen, Markenstärke und technische Exzellenz darüber, ob Inhalte sichtbar werden.
Mit dem Aufstieg von Google Discover und KI-Suchsystemen dürfte diese Entwicklung sogar noch an Bedeutung gewinnen. Für Publisher bedeutet das: Wer langfristig erfolgreich sein will, muss Journalismus, Technik und SEO enger zusammenbringen als jemals zuvor.
Genau darin liegt aus meiner Sicht die größte Herausforderung – und gleichzeitig die spannendste Entwicklung, die ich in mehr als zwei Jahrzehnten Suchmaschinenoptimierung erlebt habe.