Ich kann es wirklich nicht mehr hören.Ein bisschen Code hier, ein bisschen KI da – und plötzlich braucht es keine Redakteure mehr. Texte schreibt die Maschine, Websites sind angeblich tot, Klicks egal. Hauptsache, irgendeine KI erwähnt deinen Namen in einer Antwort. Ganz ehrlich: Das ist nicht visionär. Das ist kurzsichtig.
Ich arbeite seit vielen Jahren als Redakteur fürs Netz. Ich habe so ziemlich jede Heilslehre mitgemacht: SEO als Allheilmittel, Social Media als Ersatz für Websites, Content-Farmen, Reichweiten-Tricks, Discover-Hacks. Alles kam mit großem Getöse. Nichts davon hat Redakteure überflüssig gemacht. KI wird daran nichts ändern – auch wenn viele gerade so tun.
Ja, KI kann Texte. Aber sie versteht nichts
Natürlich kann KI Texte schreiben. Schnell, sauber, oft erstaunlich flüssig. Manchmal liest sich das sogar richtig gut. Das Problem ist nur: Sie versteht nicht, was sie da tut.
KI weiß nicht, warum etwas wichtig ist. Sie weiß nicht, welches Detail entscheidend ist und welches man weglassen sollte. Sie erkennt keine Graubereiche, keine offenen Fragen, keine Widersprüche – es sei denn, jemand hat sie ihr vorher erklärt. Und selbst dann bleibt es ein Nachahmen, kein Verstehen. Das ist kein Vorwurf. Das ist die Funktionsweise.
Das große Missverständnis vom „KI-Wissen“
Was viele gern vergessen: Alles, was heute als KI-Wissen gilt, stammt aus menschlicher Arbeit. Aus Artikeln, Recherchen, Analysen, Einordnungen. Aus Texten, die Menschen geschrieben, geprüft, aktualisiert und verantwortet haben.
Redakteurinnen und Redakteure, die Quellen vergleichen. Studien lesen. Zahlen einordnen. Aussagen überprüfen. Dinge erklären, die kompliziert sind, ohne sie zu verfälschen.
KI erfindet dieses Wissen nicht. Sie recycelt es. Mal besser, mal schlechter. Und genau deshalb wird es absurd, wenn mir dieselben Leute erklären, wir bräuchten bald keine Websites mehr. Keine Publisher. Keine Redaktionen. Keine Klicks.
Wovon soll dieses System eigentlich leben?
Ich stelle dann immer dieselbe Frage: Wovon genau soll das alles leben? Wer finanziert Journalismus, wenn niemand mehr auf Inhalte klickt? Wer bezahlt Fachportale, die nicht auf Reichweite, sondern auf Tiefe setzen? Wer sorgt dafür, dass Inhalte aktualisiert werden, wenn sich Normen, Gesetze oder technische Rahmenbedingungen ändern?
Und vor allem: Womit trainieren wir die KI in ein paar Jahren, wenn heute niemand mehr neue, belastbare Inhalte produziert? Diese Frage wird erstaunlich konsequent ignoriert.
KI kann nicht merken, dass sie falsch liegt
KI kann kombinieren, verdichten, umformulieren. Mehr nicht. Sie stellt keine neuen Fragen, wenn sich die Welt ändert. Sie merkt nicht, wenn Informationen veraltet sind. Und sie übernimmt keine Verantwortung, wenn sie Unsinn ausgibt.
In meinem Alltag sehe ich das ständig. Wenn man KI einfach „laufen lässt“, entsteht Textmüll. Glatt formuliert, aber inhaltlich dünn. Teilweise falsch. Oft widersprüchlich. Und gefährlich überzeugend, weil er gut klingt. Ohne redaktionelle Kontrolle wird Effizienz schnell zu Desinformation.
Gleichförmigkeit gewinnt keinen Wettbewerb
Ein weiterer Punkt, den viele ausblenden: Sichtbarkeit ist begrenzt. Rang eins bei Google gibt es nur einmal. Auch bei KI-Antworten ist der Platz knapp. Wenn 1.000 Menschen dasselbe Tool nutzen, um zum gleichen Thema Inhalte zu produzieren, dann schauen 999 davon in die Röhre.
Gleichförmigkeit ist kein Vorteil. Sie ist ein Problem. Was sich durchsetzt, sind Texte mit Haltung, Erfahrung und Kontext. Inhalte, die erkennbar von jemandem stammen, der weiß, wovon er spricht – und für wen.
Was Redakteure wirklich leisten
Ein guter Redakteur tippt nicht einfach Wörter. Er trifft Entscheidungen. Er weiß, wer seine Zielgruppe ist. Er kennt deren Vorwissen, Zweifel und Erwartungen. Er entscheidet, was erklärt werden muss und was nicht. Er merkt, wann ein Thema kippt. Wann aus Technik Politik wird. Wann aus einer Studie ein Hype entsteht – oder eben keiner.
Er kürzt, obwohl es weh tut. Er lässt Dinge weg, obwohl sie interessant wären. Er spitzt zu, ohne zu verzerren. Und er steht am Ende mit seinem Namen für das, was da veröffentlicht wird. Diese Verantwortung trägt keine Maschine.
Das Entwickler-Argument – und warum es hinkt
Ich höre oft: „Aber KI kann doch inzwischen sogar Code schreiben.“ Stimmt. Nutze ich selbst. Trotzdem sagt niemand ernsthaft, Entwickler seien überflüssig.
Warum? Weil jeder weiß, dass der Unterschied nicht im Tippen liegt. Sondern im Denken. In der Architektur. Im Verständnis für Zusammenhänge. In Wartbarkeit und Verantwortung.
Exakt das gilt auch für Texte. Ein erfahrener Redakteur erreicht Menschen besser als eine Maschine. Nicht, weil er schneller tippt. Sondern weil er versteht, was er tut.
Redakteure sind kein Auslaufmodell
Redakteure sind kein Kollateralschaden der KI-Evolution. Sie sind die Grundlage dieses Systems. Ohne frische, geprüfte, menschlich eingeordnete Inhalte verhungert auch die beste KI – nur zeitverzögert.
Was mich an der aktuellen Debatte am meisten nervt, ist diese Ersetzungsfantasie. Dieses „entweder Mensch oder Maschine“. Dabei liegt die eigentliche Stärke in der Kombination.
KI ist ein Werkzeug. Ein starkes. Aber Werkzeuge machen keine guten Inhalte. Menschen tun das. Vielleicht wäre es an der Zeit, weniger darüber zu fantasieren, ganze Berufsgruppen abzuschaffen, und mehr darüber nachzudenken, was man gerade leichtfertig kaputtredet. Denn ein Internet, das nur noch aus KI-Texten besteht, wird nicht besser.
Es wird lauter. Gleichförmiger. Fehleranfälliger. Und am Ende ziemlich leer. Nicht, weil KI schlecht ist. Sondern weil ohne Redakteure niemand mehr da ist, der entscheidet, was wirklich zählt.