Im Moment fühlt sich GEO an wie das neue „Du musst da jetzt unbedingt rein“. LinkedIn ist voll davon. Webinare schießen aus dem Boden. Und überall steht zwischen den Zeilen: Wenn Sie jetzt nicht optimieren, sind Sie bald unsichtbar.

Ich bin da skeptisch. Nicht, weil KI egal wäre. Sondern weil viele gerade ein Spiel spielen, das Publishern bekannt vorkommen dürfte: Erst wird Angst gemacht, dann wird die Lösung verkauft.

Das neue Grundrauschen: Panik plus Paketpreis

Die Dramaturgie ist fast immer dieselbe. Erst kommt das Untergangsbild: SEO ist tot, der Klick stirbt, die KI nimmt Ihnen den Traffic weg. Dann folgt die Rettungsleine: GEO-Audit, Prompt-Analyse, AI-Visibility-Score, „LLM-Optimierung in 14 Tagen“.

Ein Teil davon ist sinnvoll. Vieles ist Marketing.

Denn natürlich sinken Klicks, wenn Nutzer die Antwort schon oben in einer KI-Box bekommen. Das ist keine wilde These, das sieht man in vielen Daten. Nur wird daraus oft eine Allzweck-Wahrheit gemacht, die für jede Branche und jede Website gleichermaßen gelten soll. Das passt selten.

Was da gerade wirklich passiert

Das Web hat sich lange an einen Deal gewöhnt: Publisher liefern Inhalte, Suchmaschinen liefern Besucher. Monetarisiert wird über Anzeigen, Affiliate oder Abos. Das System war nicht romantisch, aber es funktionierte.

Jetzt wird die Suche zur „Antwort-Oberfläche“. Google zeigt AI Overviews, Perplexity macht daraus sein Produkt, ChatGPT kann mit Quellen arbeiten. Für Nutzer*innen ist das bequem. Für Publisher ist das ein Problem, weil „gesehen werden“ nicht automatisch „besucht werden“ heißt.

Und genau da hakt es: Sichtbarkeit ist nett. Reichweite ohne Klick ist für viele ein Verlustgeschäft.

GEO in einem Satz: Schreib so, dass die KI dich gut zitieren kann

Technisch ist GEO eigentlich kein Hexenwerk. Generative Systeme ziehen sich Informationen aus Quellen, oft in kleinen Textstücken. Nicht unbedingt ganze Artikel, sondern Absätze, Definitionen, Tabellen, Zahlen.

Wer möchte, dass die KI ihn zitiert, muss es ihr leicht machen:

  • klare Überschriften
  • kurze, eindeutige Absätze
  • Definitionen, die auf den Punkt kommen
  • belastbare Zahlen mit sauberer Einordnung
  • Quellenangaben, die nicht nach Bauchgefühl aussehen

Klingt verdächtig nach guter redaktioneller Arbeit, oder? Eben.

Was mich stört, ist diese Erzählung, GEO sei eine ganz neue, magische Disziplin, die nur Eingeweihte beherrschen. In vielen Fällen ist es eher: ordentlich schreiben, sauber strukturieren, nichts verschwurbeln.

Der Knackpunkt: Ein Zitat bezahlt keine Rechnungen

Jetzt kommt der Teil, den viele in der GEO-Ecke gern überspringen: Was bringt das am Ende in Euro?

Ein Zitat in einer KI-Antwort ist keine Sitzung, keine Ad-Impression, keine Affiliate-Conversion. Es ist eine Erwähnung. Mehr nicht.

Für B2B-Marken kann das trotzdem wertvoll sein. Wenn Ihre Zielgruppe Sie ständig als Quelle sieht, wirkt das wie ein Dauer-„Sie gelten hier als kompetent“. Das kann Leads bringen, auch wenn niemand den Link klickt.

Für klassische Publisher, die primär über Reichweite monetarisieren, ist die Rechnung härter. Da zählt am Ende: Pageviews, Abos, Conversions. Und genau diese Werte geraten unter Druck, wenn die Antwort schon „oben“ steht.

Und jetzt kommen die Scharlatane ins Spiel

In dieser Situation sind viele Publisher nervös. Verständlich. Und genau darauf springen manche auf.

Sie nehmen reale Signale (mehr Zero-Click, KI-Overviews, verändertes Suchverhalten), drehen den Regler auf Anschlag und verkaufen die passende Versicherung dazu. Mit Charts, Scores und Buzzwords, die nach Präzision aussehen, aber oft nur Nebel werfen.

Typische Warnsignale:

  • „Wir garantieren Top-Zitationen in ChatGPT.“
  • „SEO ist tot, nur GEO zählt.“
  • „Mit unserem Framework sind Sie in 30 Tagen KI-sichtbar.“
  • „AI-Visibility-Score“ ohne klare Erklärung, wie er entsteht und was er wirtschaftlich bringt.

Natürlich gibt es seriöse Beratung. Aber gerade jetzt entsteht ein Markt, in dem die Angst das Produkt ist.

Lizenzdeals: Die große Hoffnung – für die Großen

Dann gibt es noch den zweiten großen GEO-Traum: Lizenzierung. Große Verlagshäuser schließen Deals mit KI-Anbietern. Archive, Inhalte, Feeds – gegen Geld.

Das kann funktionieren. Aber es ist kein Selbstbedienungsladen. Solche Deals bekommen vor allem Marken, die groß sind, bekannt sind und Material liefern, das wirklich etwas wert ist.

Für viele kleinere und mittlere Publisher ist das keine kurzfristige Option. Wer darauf als Rettung setzt, baut sein Haus auf einen Vertrag, den er wahrscheinlich nie bekommt.

Was Publisher stattdessen tun sollten

Wenn ich das Ganze pragmatisch runterbreche, lande ich bei drei Punkten.

Erstens: Differenzieren.
Alles, was eine KI glatt zusammenfassen kann, wird austauschbar. Wer nur „10 Tipps zu X“ schreibt, verliert. Wer eigene Daten, eigene Tests, eigene Einordnung liefert, bleibt interessanter.

Zweitens: Direkte Kanäle stärken.
Newsletter, Community, Mitgliederbereich, Podcasts, Events. Alles, was nicht von Google oder einer KI-Oberfläche abhängt, wird wichtiger. Direkte Beziehung schlägt Plattformlogik.

Drittens: GEO als Hygiene verstehen, nicht als Religion.
Struktur, Klarheit, saubere Quellen, Schema-Markup – ja. Aber bitte nicht so tun, als löse das das Monetarisierungsproblem. Es löst höchstens das Sichtbarkeitsproblem. Und selbst das nur teilweise.

Mein Fazit: Nüchtern bleiben, nicht treiben lassen

KI verändert das Spiel. Das ist real. Aber der GEO-Hype ist teilweise lauter als die Faktenlage.

Zitate können helfen, sichtbar zu bleiben. Sie können eine Marke stärken. Sie können im B2B-Bereich sogar richtig wertvoll sein. Nur: Für die meisten Publisher ersetzen sie keine Klicks.

Wer Ihnen jetzt erzählt, ein AI-Visibility-Score sei die neue Umsatzformel, verkauft meist eher Hoffnung als Strategie.

Die bessere Frage lautet nicht: „Wie oft zitiert mich die KI?“
Sondern: „Was bringe ich, das Nutzer*innen trotzdem zu mir führt – oder für das sie direkt zahlen?“